Le Fly

Hauptbühne

Wahrscheinlich würde so ziemlich jeder, der diese Zeilen liest, von sich behaupten, dass er weiß, wie man eine richtig gute Zeit hat und diese mit viel Liebe für den Moment und sein direktes Umfeld füllt. Das mag auch stimmen, nur: Wer der absolute Meister dieser besonderen Klasse ist, erfährt jeder, der die Hamburger Band Le Fly einmal live sah. Da stehen neun Männer auf der Bühne und prügeln dem (in aller Regel wild tobenden) Mob förmlich die gute Laune in die Fresse. Doch Obacht: Le Fly sind alles andere als eine tumbe Spaßkapelle, sie meinen und nehmen das, was sie da tun, außerordentlich ernst. Es ist ihnen eben ein geradezu archaisches Grundanliegen, dass es allen gut geht, dass kollektive Liebe durch die stickige und schweißbefeuerte Luft fliegt und dass man ihr Konzert breiter grinsend verlässt als ein Vierjähriger unterm Weihnachtsbaum. Denn nur dort, wo die guten Emotionen wohnen, da findet sich auch innere Zufriedenheit. Daran glauben Le Fly, und das leben sie in jedem Ton ihrer brodelnden Musik, in der sich grob geschätzt mehr als ein halbes Dutzend gegensätzlicher Genres zu einem Sound vermengen, der letztlich nur eine zutreffende Bezeichnung zulässt: St. Pauli Tanzmusik.

Denn diese neun Macher, die seit nunmehr einem Jahrzehnt ihr gemeinsames Unwesen treiben, in dieser Zeit zwei äußerst zeitlos schwingende Albenbretter aufnahmen und bald jede Club- und Festivalbühne des Landes bespielt haben, sind streng genommen nicht nur Hamburger, sondern St. Paulianer, was übersetzt so viel bedeutet wie: Mach und leb’ wie du willst, wir lieben dich trotzdem. Ein Grundcredo, das sie schon als Bandgefüge leben müssen und wollen, da diese neun Persönlichkeiten nicht grundverschiedener sein könnten in Sachen Sozialisation, Musikgeschmack und künstlerischer Auffassung. In dieser Band zu sein, sagt Rapper Schmiddlfinga, sei daher „eine niemals endende Suche nach dem Kompromiss, mit dem jeder gut leben kann. Was in einer dermaßen basisdemokratisch organisierten Band viel Zeit und Kraft erfordert.“ Ein Kompromiss indes, der dafür dermaßen in der Mitte liegt, dass er in bald jede Richtung ausgedehnt und verstanden werden kann. Der im besten Sinne den eigenen Horizont erweitert und jede Frage nach Szenenzugehörigkeit oder sonstigen Vorlieben ad absurdum führt. Weshalb es bei Le Fly immer wieder zu Begegnungen der unvergesslichen Art kommt, wie etwa kürzlich nach einem Konzert, als ein fisselhaariger Altmetaller nassgeschwitzt zur Band sagte: „Ihr klingt zwar kein Stück wie Metallica, aber seid trotzdem richtig  geil.“ Kann man so stehen lassen.

Und das ist genau der Punkt: Ungebremste Freude zu bereiten und mit jedem einzelnen verdammten Song das immer brutal heterogene Publikum zwischen HipHop-Veteran, Hardcore-Kid, Rasta-Zopf und Indiemädchen kollektiv förmlich an die Wand zu nageln, ist nicht ein großes und weithin unterschätztes Talent, sondern verdammt große Kunst. Eine Kunst, die sich eben aus ihrer kompromisslosen Hingabe an Positivität und geilen Tunes speist, in denen jeder das finden kann, was ihn freudvoll und unbeschwert sein lässt. Le Fly formulieren damit einen seltenen Zustand zwischen der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens und der totalen Leichtigkeit des Seins, der sich so konsequent und ausnahmslos auch auf das Publikum überträgt, dass auch sie immer wieder diese ungezügelte Liebe erfahren. Wie beispielsweise nach einem ihrer Gigs auf dem Deichbrand-Festival (auf dem Le Fly im Jahr 2017 aus gutem Grund zum neunten Mal in Folge auftraten), als ihnen ein Swimmingpool-Bauer kurzerhand einen Jacuzzi vermachte und im Hinterhof ihrer Kreativzelle in einem unscheinbaren Haus am Rande von St. Pauli installierte (Leider mussten sie ihn inzwischen wieder abbauen: Der Deutschen Bahn war die Nähe zu ihren Hochspannungsleitungen nicht geheuer – die haben eben kein Verständnis für eine derartige Form von entgegengebrachter Zuneigung).

Ebenda, in Zelle und Pool, entstanden auch viele Grundzüge für das neue, dritte Album „Kopf aus Fuß an“, wie nahezu alles, was diese Band betrifft, die sich vom ersten Tag an voll und ganz dem DIY-Gedanken verschrieb, ihre Platten selber veröffentlicht, alle Artworks selber erstellt – und durch einen glücklichen Zufall nun nicht einmal mehr für die tatsächlichen Plattenaufnahmen das Haus zu verlassen braucht, nachdem vor zwei Jahren Jan Günther mit seinem Studio hier einzog – ein langjähriger Freund und Vertrauter, nachdem Le Fly mit dessen ehemaliger Band Die Rakede mehrfach durch die Nation tourten. Kaum jemand kennt diese neun Eckis und ihre Musik also besser als er, und so lag es nahe, einfach eine Etage höher zu ziehen und dort die neue Platte aufzunehmen, auf der auch deshalb ein paar Dinge anders sind als auf den beiden Vorgängern „St. Pauli Tanzmusik“ und „Grüß dich doch erstmal!“.

Denn auch, wenn Le Fly noch immer alles locker wegrocken, hat sich der tatsächliche Gitarrenanteil auf „Kopf aus Fuß an“ deutlich reduziert. Das liegt sicher an der Rap- und Reggae-Expertise ihres neuen Produzenten, aber auch an dem Ausstieg des bisherigen Leadgitarristen Habichtjunge sowie an dem Umstand, dass gerade Schmiddlfinga sich auf dieser Platte auch musikalisch deutlich mehr ins Spiel brachte. „Ich habe vor ner Weile meinen Job geschmissen und gedacht, ich setze jetzt noch mal für eine Weile alles auf die Musik. Dadurch hatte ich deutlich mehr Zeit als die anderen, und so habe ich über Monate viel zu Hause am Rechner geschraubt und der Band meine Ideen präsentiert. Das ist ungewöhnlich für uns, denn bislang entstanden fast alle Songs aus gemeinsamen Jamsessions.“

So erklärt sich, dass „Kopf aus Fuß an“ ein wenig mehr auf Groove setzt als auf Druck, dass die Songs stilistisch zwar noch immer herrlich in alle Richtungen ausfransen, das Album als solches aber in sich stimmiger und kohärenter klingt. Noch immer geht natürlich alles zwischen Herzattacken-Ska und nachdenklichem Poetry-Rap, noch immer wird jeder Song automatisch zu einer inneren Hüpfburg guter 
Laune – doch das Le Fly-typische Genre-Multikulti wurde verdichtet zu einer in sich friedvollen Koexistenz der Stile. Und dies auch textlich: Le Fly waren und sind keine politische Band (das passt auch nicht zur Grundhaltung des typischen St. Paulianers), aber man kann trotzdem stets eine Verbindung aufbauen: Wenn man etwa die wunderbar stakkatohafte Aufzählung der alltäglichen Laune- und Spielverderber in „Snervt“ verfolgt, dürfte sich in mindestens jedem zweiten Satz gründlich bestätigt fühlen.

„Kopf aus Fuß an“ setzt die Arbeit der beiden Vorgänger damit herrlich fort, wenn auch unter leicht veränderten Vorzeichen. Doch das prinzipielle Grundbedürfnis, als niveauvolle Vollspacken dafür zu sorgen, dass man Momente unbedingter Unbeschwertheit erlebt und eine durch nichts getrübte gute Zeit hat, ist geblieben und wurde weiter und noch dringlicher ausformuliert. Daher auch der Titel, der Le Fly`s Lichtmann Bam Bam letztes Jahr einfiel, als er zusammen mit Schmiddlfinga auf dem Fusion Festival die fünfte Stunde in Folge zu für die beiden eher untypischen Technobeats vor sich hin tanzte. Da dachte er auf einmal: „Kopf aus Fuß an ist ja eigentlich das, was Le Fly erreichen wollen, egal wo du herkommst oder sonst so machst.“ Selten also war ein Name dermaßen Programm. Willkommen im Wahnsinn der ungezügelten guten Laune!